Mal was Neues, zumindest für einen von beiden. Quelle: X-Verleih

Ich muss sagen, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass “Drei”, der Neue von Tom Tykwer, der perfekte Film ist. Damit das klar ist: Ich habe die Absicht, diesen Film hier uneingeschränkt abzufeiern. Ich kann gar nicht zählen, wie oft die Figuren mich im Laufe des Filmes überrascht haben. Jeden Moment rechne ich mit dem Klischee – und es will einfach nicht kommen. Kein “Achja, mehrere Leute gleichzeitig lieben, friedlich und dauerhaft, das wäre ja sooo schön, aber leider leider ist Eifersucht nun mal natürlich” und dann in allen Einzelheiten zeigen, wie die Leute beim Versuch, zu tun, was sie wollen statt das, was sie sollen, zugrunde gehen. Kein Verzweifeln an der Unfähigkeit, dem anderen das zuzugestehen, was man sich selbst ungeniert nehmen zu dürfen glaubt. In diesem Film wird gerade das auf die Spitze getrieben, betrügen Mann und Frau sich doch mit ein und demselben Mann, der selbst auch nichts von der Verwicklung ahnt. Und dieser Mann, der sexuell völlig frei zu handeln scheint, mit Zuneigung und Wohlwollen, wird endlich einmal NICHT als in Wahrheit traumatisiert und verletzt und bindungsunfähig entlarvt, sondern er ist einfach so. Dieser Film findet es weder anstößig noch problematisch, dass er bi ist. Er darf dabei sogar ein Naturwissenschaftler sein, einer mit Gefühlen! Nicht mal eine Brille hat er.

Ah, und die Frauen! Nicht eifersüchtig sind sie, sondern selbstbestimmt und sie verfügen über Selbstvertrauen. Auf die Zeile “Du riechst irgendwie anders!” folgt normalerweise ein verstörter Blick und “Nach wem? Hast du etwa eine andere?!” Hier hingegen: “Weiß nicht. Irgendwie — lecker.” Im Anschluss darf man erleben, wie Menschen, die schon lange keinen Sex mehr hatten, über einander herfallen. Das ist schön, auch wenn die beiden schon vorher so gut zusammen waren, dass man es als Zuschauer nicht so richtig verstanden hätte, wenn die sich jetzt getrennt hätte.

Dieser Film schreit uns zu, uns die diversen Stöckchen aus dem Allerwertesten zu entfernen und endlich zu kapieren: So ist es. Dabei traut er sich sogar, über weite Strecken wie Mainstream auszusehen – gefällig eben. Mir ist noch nie aufgefallen, dass Devid Striesow SO gut aussieht. Das hier ist kein abgehobenes Thema, das ist nicht das Leben von ein paar Freaks im Wald, sondern das sind wir alle. Wenn wir wollen.

Ich bin dabei.

Achja, und man darf sogar Sex haben, wenn man schon ganz doll schwanger ist. Anschauen!


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Kommentare ( 3 )

ich weiß nicht recht, ob du nicht mit der glorifizierung
von (der von dir gewünschten, erhofften, gedachten) freien
liebeswahl und der verteufelung des etablissements genau dieselbe
Schiene einschlägst, gegen die du dich vermeintlich zur Wehr setzen
willst.. ;) nix für ungut, aber ich habe das gefühl, dass du
klische-befreitheit anders feiern würdest, als du es hier tust…
hier feierst du deine persönliche einstellung und ihre umsetzung im
film… aber das macht auch nix. sei dir vergönnt, muss den film
selbst erst noch sehen, bevor ich da dann inhaltlich einsteigen
kann…

Jacob schrieb dies am 31.12.10 um 18:02.

Naja, sonst dürfen ja die anderen immer die Glorifizierung IHRER Einstellung feiern. Meine Absicht war es nur, die Tatsache zu würdigen, dass überhaupt mal jemand wahrnimmt, dass es 1.eine Alternative gibt und diese 2.nicht ausschließlich für ganz ganz besondere Menschen geeignet ist. Obwohl die Figuren im Film auf eine recht leise und unauffällige Art SEHR besonders sind.
Ich persönlich finde es schockierend, dass Stereotypen so allgegenwärtig, so allmächtig und so selbstverständlich sind, dass sie selbst in eigentlich sehr anspruchsvollen und durchdachten Filmen als tiefe Wahrheit verkauft werden. Und die Rechtfertigung für all das ist entweder die Natur (die ja wohl mal gar nix für unsere Intoleranz und Phantasielosigkeit kann) oder die Gefühle müssen dafür herhalten. Irgendwie ist es wohl Konsens, dass Gefühle nicht lügen. Und an dieser Stelle steige ich aus. In einem Zeitalter, wo Sex und Kinderkriegen grundsätzlich getrennt sind, wird es recht weitgehend als valide angesehen, dass Eifersucht ein Liebesbeweis ist. Ist doch widersinnig, um es mal nett auszudrücken.
Ich fände es jedenfalls interessant, wenn du dir den Film anschauen würdest und wir dann darüber diskutieren könnten.
P.S. Wie würde ich Klischee-Befreitheit denn feiern?

Katharina schrieb dies am 01.01.11 um 10:51.

„Du musst Dich von deinem deterministischen Biologieverständnis verabschieden“

:)

Marvin schrieb dies am 01.01.11 um 22:44.

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