Wie könnte Forschung an Cholerabakterien neutral sein? (Bild unter Public Domain: Dartmouth Electron Microscope Facility)

Beim Versuch, eine Antwort auf die Kommentare auf meinen letzten Artikel zu formulieren, ist mir aufgefallen, dass ich zum betreffenden Thema ein paar mehr Gedanken habe. Die Rede ist natürlich von meiner Behauptung, dass Wissenschaft wertungsfrei zu forschen habe. Der berechtigte Einwand lautete:

Aha. Hinter wissenschaftlicher Forschung steckt also kein Forschungsinteresse und ist von vornherein wertungsfrei? Dieses Argument ist so alt, wie Wissenschaft und Politik aneinander kleben. Fortschrittsglaube, Rechtspositivismus und Autoritätshörigkeit gehen seitdem eine ebenso fruchtbare, wie schaurige Beziehung ein. Hinter dem Argument der Werturteilsfreiheit haben sich viele WissenschaftlerInnen nach 1945 gut verstecken können. Euthanasie, Rüstungsentwicklung, Menschenversuche etc. pp. im Auftrag (pseudo-)wissenschaftlicher Forschung sind jedoch niemals werturteilsfrei. In der Geisteswissenschaft schon lang und breit ausdiskutiert…

Um mit einer meiner Spezialitäten anzufangen (Wortklauberei): Ich habe ja nie behauptet, dass Wissenschaft wertungsfrei IST, ich sagte lediglich, dass sie dies zu sein habe. Ich gebe Jonas K. natürlich weitestgehend Recht. Vielleicht können wir uns aber darauf einigen, dass zumindest die Fakten an sich neutral sind. Wenn morgen ein Schwulengen gefunden wird, muss ich das genauso akzeptieren wie die Erkenntnis, dass vor dem Computer zu hocken einen krummen Rücken macht. Nur weil eine Erkenntnis gesellschaftliche und politische Relevanz hat, kann man nicht unterstellen, dass sie unter dieser Prämisse gewonnen wurde. Dass Psychologen sich anmaßen, bekloppt und normal definieren zu dürfen, glauben vor allem solche Leute, die noch nie mit einem Psychologen geredet haben. Mit irgendetwas muss man eben anfangen. Und niemandem ist die Hinfälligkeit solcher Maßzahlen klarer als denjenigen, die damit arbeiten (müssen). Ich will gar nicht erst davon erzählen, wie viele unaussprechliche statistische Schummelmethoden in der Neurowissenschaft benutzt werden, um aus in jeder Hinsicht unzulänglichen Daten Erkenntnisse hervor zu zaubern.

So viel dazu.

Jonas’ Kommentar schien mir aber noch auf etwas anderes abzuzielen. Es ist zum Kotzen, wie wissenschaftliche Forschung dem Kommerz unterworfen wird. Hier wird fröhlich gekürzt, dort wird mit klaren Zielvorgaben investiert. Es ist zum Ausrasten, wie Erkenntnisse aufgeblasen, verdreht und an manchen Stellen auch einfach ignoriert werden, um pseudo-stichhaltige Beweise für rassistische, sexistische, chauvinistische und nationalistische Ansichten nach Belieben zu erzeugen. Das ist die Grundlage von Bildzeitung und Neoliberalismus. Und es ist zum Heulen wie so viele Leute die Begrenztheit des menschlichen Denkvermögens ignorieren, glauben, dass sie nicht durch ihre Erziehung, ihre Herkunft und ihre Erfahrungen, kurz, alles, was sie sind, in allem, was sie tun, beeinflusst werden. Und jene, die daran forschen, auch noch für Tagediebe halten.


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Kommentare ( 3 )

Ingesamt eine Diskussion, die mich am Anfang meines Studiums auch interessiert hat. Ich kann jetzt nicht alle Argumente für oder gegen eine bestimmte Haltung aufzählen. Zum Beispiel der Psoitivismusstreit kreiste ja um diese Frage.
Ich kann nur sagen, dass es gute Gründe gibt anzunehmen, dass Wissenschaft gebunden ist an das soziale System, in dem sie agiert. Es schließt sich nicht aus, dass es auch so etwas wie Spontaneität gibt, wo also nicht umweltgebundene Faktoren Fortschritt hervorrufen. Für wissenschaftlich Arbeitende bedeutet aber die erste Annahme, dass sie ihren Standpunkt reflektieren und offenlegen müssen, z.B. normative Annahmen klar zu erklären haben. Und es sind Vorkehrungen zu treffen, um nicht durch Vorannahmen die Ergebnisse zu determineren, so kann z.B. Intersubjektivität durch kooperatives Arbeiten dem teilweise vorbeugen.

Sebastian schrieb dies am 24.11.10 um 03:05.

Aber hallo! Die Tonlage Deines Postings lässt vermuten, dass Du wieder motiviert bist. Weiter so!

Andreas Skowronek schrieb dies am 24.11.10 um 12:19.

Danke, Sebastian: du hast mir einiges zum Nachdenken gegeben… Es ist schon erschreckend, dass in meinem Studium, in dem teilweise nichts geht ohne kleinen Tieren den Schädel aufzusägen, gerade mal 3 (in Worten: DREI) von 120 Credits (das sind 2,5%) für “ethical issues” vorgesehen sind. Und ich bezweifle, dass es dabei um Positivismus oder soziales Gefüge gehen wird, sondern eher so: “Versprecht ihr, dass ihr keiner Maus umsonst den Kopf kaputt macht?” Und dann nicken wir alle und das war’s. Somit sind den meisten ihre normativen Annahmen ja nicht einmal bewusst (was sicher ohnehin nur bis zu einem gewissen Punkt möglich ist).

Katharina schrieb dies am 25.11.10 um 13:43.

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