Passiert mir öfter: Ich sage was, von dem ich glaube, dass jeder das weiß, auch wenn man nicht Politik oder Gender Studies oder Soziologie studiert hat. Und dann habe ich den Salat. Augen werden aufgerissen, Stimmen erhoben, mein Blutdruck steigt. Und Stunden später, wenn die Diskussion langsam abebbt, muss ich mal wieder feststellen, dass ich zu viel erwarte. Stellt euch das mal vor – trotz allem, was ich an der Welt, wie sie ist, furchtbar finde (Menschenhandel, Massentierhaltung, Korruption, Überfischung, nicht deklarationspflichtige Lebensmittelzusatzstoffe, Laubbläser am Samstagmorgen) und obwohl ich weiß, dass wahrscheinlich alles noch viel schlimmer ist, als ich es je erfassen kann, glaube ich doch tatsächlich, dass Bildung hilft. Ich glaube noch immer, dass Leute, die studieren, schon mal im einen oder anderen vielleicht sogar nichtwesteuropäischen Ausland waren und zu Hause mehr als 5 Bücher haben, die sie vielleicht sogar gelesen haben, ein paar grundlegende Dinge verstanden haben sollten. Zum Beispiel, dass materieller Fortschritt nicht das selbe ist wie  Glück und somit Ingenieure auch nicht zwangsläufig dazu beitragen, dass es “allen” (wer soll das eigentlich sein?) besser geht, während Sozial- und Geisteswissenschaftler nur Seifenblasen erzeugen. Und die Chefetagen dieser Welt sind natürlich nur aus einem einzigen Grund männlich dominiert: Weil Männer das eben besser können. Und das mit der Monogamie haben die Frauen ganz alleine ausgeheckt um den wilden und naturbelassenen Mann in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken. Naja, es denken ja auch ziemlich viele Menschen in Deutschland, dass “Die Juden immer noch zu viel Einfluss” hätte (wer sie immer noch nicht kennt, hier geht’s zur Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung).

Verdammte Axt, benutzt doch mal euer Gehirn nicht nur für Mathe. Aber Moment mal. Diesen Satz könnte ich doch mit sehr viel mehr Genuss und Überzeugung in die Tasten hämmern, wenn da nicht dieses kleine störende Etwas wäre, das mir immer wieder auf die Füße tritt und mein Blut nicht viel weniger in Wallung bringt als in Absatz 1 beschriebene Vorkommnisse. Muss man denn als Feministin so viel Angst vor der Biologie haben, dass Sätze wie “Auch wenn es manche BiologInnen nicht wahrhaben wollen – Tiere sind beim Abschied von einer heterosexuell zweigeschlechtlichen Gesellschaft schon so viel weiter.” im Missy Magazine möglich sind? Entschuldigung, aber auch wenn manche GeisteswissenschaftlerInnen es nicht wahrhaben wollen, NaturwissenschaftlerInnen sind beim Wahrhabenwollen von empirischen Fakten schon so viel weiter. Der Schweinebandwurm zum Beispiel besteht aus unzähligen Segmenten, von denen die vorderen das eine, die hinteren das andere Geschlecht haben und die sich gegenseitig befruchten. Gelernt im Praxiskurs “Morphologie der Tiere” im 1.Semester. Vielleicht will ich damit ja nur sagen: BiologInnen und BiologistInnen sind zwei Menschenmengen, deren Schnittmenge komplett l-e-e-r ist. Man kann davon halten, was man will, aber wissenschaftliche Forschung hat zunächst einmal wertungsfrei zu sein. In den allermeisten Fällen sind es mitnichten die WissenschaftlerInnen selbst, die ihre Erkenntnisse zur Begründung irgendwelcher gesellschaftlicher oder politischer Maßnahmen heranzuziehen versuchen. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich in der Zeitung etwas darüber lese, wie Neurowissenschaftler in naher Zukunft in der Lage sein sollen Gedanken zu lesen oder Genetiker den Beweis gefunden hätten, dass man für seine Aggressivität nicht selbst verantwortlich ist.

Was für alle gilt: KeineR ist in seinem Urteil schneller und sich sicherer als die/der Unwissende.


Blättern


Kommentare ( 4 )

Das ist doch mal ein Text, der deine Handschrift trägt. Immer mehr erkenne ich deine eigene Stilistik beim lesen. Ein wenig Trotz, ein wenig Frust/Wut, eine Portion Biologie 1. Semester Fachsimpelei (jedoch gut dosiert) und eine unterhaltsame Brücke zu einem feministischen Trugschluss.

Sehr gelungen, sympathisch postmodern, gern auch noch etwas schärfer und länger. Hör bitte nicht auf damit, auch wenn der Takt, mit denen sich deine Texte hier einfinden schwankt. Das ist okay.

Marvin schrieb dies am 22.11.10 um 21:51.

Ein Buch, dass dich wahrscheinlich interessieren düfte (wenn du es nicht schon kennst):
Karl Raimund Popper: The logic of scientific discovery

Wenn es nicht so teuer wäre, wüder ich ja dem Miss Magazine eine Kopie schicken!

dicken Knutsch aus København!

Jan schrieb dies am 22.11.10 um 22:34.

Einen Einwand hätte ich an deinen ansonsten pointierten und gut geschriebenen Beobachtungen dann doch:
“Man kann davon halten, was man will, aber wissenschaftliche Forschung hat zunächst einmal wertungsfrei zu sein.”
Aha. Hinter wissenschaftlicher Forschung steckt also kein Forschungsinteresse und ist von vornherein wertungsfrei? Dieses Argument ist so alt, wie Wissenschaft und Politik aneinander kleben. Fortschrittsglaube, Rechtspositivismus und Autoritätshörigkeit gehen seitdem eine ebenso fruchtbare, wie schaurige Beziehung ein. Hinter dem Argument der Werturteilsfreiheit haben sich viele WissenschaftlerInnen nach 1945 gut verstecken können. Euthanasie, Rüstungsentwicklung, Menschenversuche etc. pp. im Auftrag (pseudo-)wissenschaftlicher Forschung sind jedoch niemals werturteilsfrei. In der Geisteswissenschaft schon lang und breit ausdiskutiert… :-P

Jonas K schrieb dies am 23.11.10 um 15:39.

Ich muss dem Einwand stellenweise widersprechen. Der Anspruch an wertungsfreie Wissenschaft schließt ja vorhandenes Forschungsinteresse oder die Notwendigkeit moralischer Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand nicht aus. Das ist zunächst mal ein methodisches Arbeitsprinzip.

Beispiel Naturwissenschaft: Genforschung, z.B. der kürzlich auf dem CDU Parteitag debattierte Embryo-Gentest (Präimplantationsdiagnostik).

Bei Geisteswissenschaften muss man auch differenzieren. Historiker haben ganz andere Definitionen von Wertungsfreiheit als Anthropologen, obwohl beide hauptsächlich deskriptiv arbeiten und dann analysieren.

Marvin schrieb dies am 23.11.10 um 19:58.

© Copyright 2007 schwarzezitrone. Theme by Zidalgo Thanks for visiting!