Immer jammere ich herum! Leute könnten auf die Idee kommen, dass da jemand sitzt, der langsam in sich zusammen schrumpelt vor lauter Ärger. Dabei ist das Leben doch ganz schön schön. Jaja, die Sonne scheint, und so. Aber es hat doch jeder seine persönlichen Glücksmomente, in denen er sich für einzigartig hält. Oder? Mir geht’s jedenfalls so. Glücklichsein ohne Grund und dann dieser exponentielle Anstieg der Freude, weil man sich freut, dass man ohne Grund glücklich sein kann. Oder? Mir geht’s jedenfalls so. Ich muss schon sagen, den Herbst finde ich dieses Jahr besonders schön, ich kann mich nicht erinnern, dass die Blätter jemals so gelb waren. Im Studium muss ich die Ableitungen endlich nicht mehr per Hand ausrechnen – auf einmal dauert alles nur noch halb so lange und ich kann tatsächlich über die Probleme selbst nachdenken. Mit dem aktuellen Arcade Fire-Album bin ich gerade in dem Stadium, in dem ich völlig euphorisch auf “repeat whole album” stelle und die Songs langsam bekannt sind, aber das Unbekannte noch immer zu überraschenden Glückshormonausschüttungsschüben führt. Komposita sind übrigens auch ein Grund zum Glücklichvorsichhingrinsen. Und meine neue Ikea-Schreibtischlampe ist nicht nur zehnmal heller als ihre Vorgängerfunzel, sondern außerdem grün und hat Wolken drauf. Dazu eines meiner Lieblingsgedichte, wenn ich sowas haben sollte.Völlig unangemessen, weil im Sommer spielend.

1

An jenem Tag im blauen Mond September

Still unter einem jungen Pflaumenbaum

Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

In meinem Arm wie einen holden Traum.

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde

Geschwommen still hinunter und vorbei

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen

Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?

So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.

Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer

Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3

Und auch den Kuss, ich hätt’ ihn längst vergessen

Wenn nicht die Wolke da gewesen wär

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen

Sie war sehr weiß und kam von oben her.

Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer

Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Bertolt Brecht, Erinnerungen an Marie A.


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