Wie schon in dem einen oder anderen Post in diesem und in meinem Reiseblog erwähnt und beklagt, bin ich nach der Reise in eine Grube der Ratlosigkeit gestürzt. Nachdem ich mich vom prinzipiell nötigen Teenagerweltschmerz schon vor Jahr und Tag verabschieden musste, weil die Welt zwar furchtbar schlecht, das Leben aber so verdammt gut ist, kehrt das Gewicht der Welt nun in Form von Zynismus wieder. Zynismus ändert aber nichts außer der Tiefe meiner Falten.

Daher habe ich die letzten Wochen damit verbracht, über Alternativen nachzudenken. Von der Perfidität des Systems immer wieder überwältigt, musste ich einige Ideen unter ständigem Rühren in den gedanklichen Ausguss befördern: militanter Veganer werden anstatt in Massentierhaltung produziertes Fleisch, in Legebatterien erpresste Eier und aus naturentfremdeter Milch hergestellten Käse, Quark und Joghurt zu essen; statt von schwieligen Kinderhänden gefertigte H&M-Kleidung nur noch Kartoffelsäcke tragen; mich den Winter über in so viele Schals, Pullover und Strumpfhosen zu hüllen, wie eben nötig sind, um nicht die mit fossilen Brennstoffen und Atomenergie betriebene Heizung anstellen zu müssen; und dergleichen mehr. Denn all diese Dinge bereiten mir nur sehr wenig Freude, wodurch nicht nur die Wahrscheinlichkeit erhöht würde, dass ich das nicht durchhalte, sondern auch jeder Mensch um mich herum, der halbwegs bei Verstand ist, vor meinen Ideen jammernd Reißaus nehmen wird.

Was mir früher schon einmal bei meinen Überlegungen zur gesunden Ernährung passiert ist, drohte sich zu wiederholen: Nichts kam mir mehr richtig vor, selbst im Bioladen stand ich stundenlang vor den Regalen und prüfte die Zutatenetiketten der vegetarischen Pasteten, Fruchtaufstriche und Pumpernickelpacken. Dieses Mal: Nichts kann man mehr kaufen, alles verbraucht viel zu viel Energie, verschmutzt Wasser und Luft und setzt Menschen unwürdigen Arbeitsbedingungen aus. Leider muss auch ich einsehen, dass es Dinge gibt, die ich brauche, genauso, wie ich eben etwas essen muss. Meine Schuhe sind undicht, der Reißverschluss meiner Winterjacke kaputt, meine Uhr stehen geblieben. Kein halbwegs normaler Mensch würde sich nasskalten Füßen, mehreren Bronchitiden pro Winterhalbjahr und dem ständigen Zuspätkommen aussetzen, wenn er nicht muss. Ich weiß, dass viele müssen; besonders das mit der Uhr ist wohl eine Bagatelle. Aber aus Solidarität bleibende Lungenschäden hinnehmen…? Im Grunde bringt es auch nichts, wenn ich mich kasteie, kein Spaß mehr am Leben habe und deshalb auch keine Energie mehr für irgend etwas habe. Das verbessert vielleicht die CO2-Bilanz um 3,6*10^-12 Promille, aber wirklich helfen tut es keinem.

Wie soll ich es also anstellen, mich diesem Konsumwahnsinn zu verweigern und bei diesem Zeug nicht mehr mitzumachen? Naja, gar nicht mehr mitmachen geht wahrscheinlich nicht oder nur unter nicht hinzunehmenden Opfern (hab ich ja schon erwähnt…), aber wenigstens weniger mitmachen? Sich zu weigern war ja auch mal cool. Aber das ist mir natürlich egal…….

Einige wird es vielleicht wundern, dass ich, um auf eine Lösung zu stoßen, so lange gebraucht habe. Andere werden diese Lösung für nichts halten, was diesen Namen verdient hat. Es gibt sogar Leute, die glauben, dass Konsumkritik lediglich auf Neid beruht und so etwas wie eine natürliche Schutzreaktion der Wenigverdiener gegenüber den Gutverdienern ist. Meine Lösung besteht aus drei Buchstaben und hat bereits eine riesenhafte Anhängercommunity auf der ganzen Welt: DIY. Do it yourself. Was mir daran besonders gut gefällt, ist, dass dieses Konzept sich sogar mit feministischen Ansätzen kombinieren lässt. Do it yourself heißt, aus nichts etwas zu machen, so wie es Leute bis vor wenigen Jahrzehnten auch in diesem Teil der Welt ständig machen mussten. Man konnte nicht einfach etwas wegwerfen, weil “Zeit war” sich mal was Neues anzuschaffen, sondern man musste alles so lange verwenden, bis es sich in Staub auflöste. Man schliff Möbel ab und strich sie neu an, baute sie auch mal um, damit sie einen neuen Zweck erfüllen konnten, man kürzte oder weitete Säume, man färbte und flickte Kleidung, man stellte sie sogar komplett selbst her. Natürlich funktionierte die Welt im Grunde schon immer so wie jetzt und die Leute machten das nicht aus Vernunft, sondern aus Geldgründen. Heute lässt sich mit Second-Hand und Selbermachen natürlich immer noch Geld sparen, vor allem wenn man bedenkt, dass man sozusagen maßgefertigte Einzelstücke kreiert, für die man sich normalerweise dumm und dämlich blechen darf. Vor allem aber spart man damit unglaublich viele Ressourcen. Was ich mit dem feministischen Ansatz sagen will, gilt im Grunde auch für Männer: Wenn man Dinge (wieder) selbst macht, muss man sich nicht zwischen Dingen in einem Katalog entscheiden, man muss nicht in die Konfektionsgrößen passen und sich mal wieder fragen, wie jemand aussehen müsste, der in diese Hose passen soll. Man muss nicht die aktuelle Mode mögen, man kann sie sogar verabscheuen, wenn einem das besser gefällt. Man macht einfach alles, wie es einem gerade in den Sinn kommt.

Die Voraussetzung dafür sind: Skills. Handarbeit. Handwerk. Oha. Naja, hab ich wieder was zu tun. Zum Glück gibt es ja gerade in einer Stadt wie Berlin genug Leute, die das alles schon viel eher kapiert haben als ich und die vom Second Hand-Laden bis zur Änderungsschneiderei alles abdecken, worauf man selbst keine Lust hat (die ich aber habe). So kann man auch weiterhin genau so viel Geld ausgeben wie vorher!


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Kommentare ( 3 )

Unter der Überschrift “DIY” gibt es ja (leider??) auch schon einen kompletten Industriezweig, der dem Vernehmen nach satt Gewinne einfährt. Ich sage nur: 20% auf alles! Wie auch immer, auf jeden Fall habe ich dort letztens errechnen müssen, dass mich der seit Jahren fällige Kleiderschrank für das Schlafzimmer im Do-it-yourself-Verfahren neben Jahren meines Lebens auch noch fast so viel Geld wie ein neues Teil kosten würde. Wie lautet dann die Lösung? DIY für Arme: Ne Stange an die Deckenbalken, befestigt mit Angelschnur Extra Strong. Passt, wackelt und hat Luft :-)

Dorit G. schrieb dies am 28.09.10 um 10:04.

Wer muss den Kommentar denn freigeben? Ich würde es tun.

Dorit G. schrieb dies am 28.09.10 um 10:06.

Leider habe ich hier ein paar Probleme mit Spamkommentaren gehabt und habe deswegen wieder darauf umgestellt, dass ich alles freigeben muss. Ich sollte da mal eine Anmerkung hinzufügen, die jeder sieht, wenn er kommentiert.
Zu dem Kleiderschrank: Ich meine ja auch nicht, dass man alles selbst machen soll. Unterwäsche, Schuhe, Socken?! Aber vielleicht kann man ja einen gebrauchten kaufen und aufmotzen! Natürlich kann nicht jeder sich seinen eigenen Maßanzug schneidern und seinen Dachstuhl selbst aufbauen. Ein paar Links zu DIY, die ich u.a. beim Missy Magazine gefunden habe und die ein anderes Verständnis von DIY zeigen:

http://blinkblink-blinkblink.blogspot.com/
http://www.etsy.de/blog/
http://www.maikitten.de/
http://labastellerie.com/blog/

Viel Spaß!

Katharina schrieb dies am 29.09.10 um 03:56.

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