Habe ich zu hohe Ansprüche? Foto: wikipedia

Habe ich zu hohe Ansprüche? Foto: Sowieski (wikimedia commons)

Manchmal ist es hilfreich, mit einer gewissen Portion Naivität an die Welt da draußen ranzugehen, denn dann hat man die Chance auf dieses Gefühl. Ein Gefühl des sicheren Verstehens – wenn einen die Erkenntnis mitten in die Fresse trifft, dass diese Gesellschaft völlig balla-balla ist. Wenn man zum Weltschmerz neigt, folgt dann direkt tief empfundene Hilflosigkeit ob der erschreckend vollständigen Abgerücktheit von jeglicher Möglichkeit zur Einflussnahme.

Ein treffliches Beispiel, um zu illustrieren, was ich meine, ist die Wohnungssuche in Berlin, die sich derzeit als sich täglich wiederholender Alptraum in meinem Leben abspielt.

Vor einigen Tagen telefonierte ich mit meinem bisherigen Vermieter bzw. natürlich dessen Hausverwaltung, da die Vermieter ja nicht einmal meine Sprache sprechen. Oder ich ihre, was wohl eine marktkonformere Sichtweise wäre. Jedenfalls verkündete der Typ mir dann ohne sich zu schämen, dass sich die Miete im Falle einer Vertragsübernahme durch einen Nachmieter erhöhen würde. In meiner unendlichen Gutgläubigkeit antwortete ich spontan mit: “Aber warum, an der Wohnung wurde doch überhaupt nichts verändert?!” Das stimmt in der Tat – auch diesen Winter wird man neben dem Küchenfenster nur in Winterkleidung sitzen können, die Dielen sind weiterhin rostrot angepinselt und müssen deshalb unter einem Teppich versteckt werden und an den Waschbecken hat man weiterhin nur die Wahl zwischen brühheiß und eiskalt. Aber dann folgte die einleuchtende Erklärung: “Das ist ja schon eine ganz schöne Straße, in der Sie da wohnen…” …aha… “und da kann man natürlich eine höhere Miete erzielen!” Erzielen, soso. Ich sah  meinen ausgestopften Kopf an jemandes Wand hängen, mit grünen Glasaugen und dekorativ aufgesetzten Hörnern.

So gut wie alle Vermieter haben mittlerweile gemerkt, dass man Provisionen – ähem – erzielen kann, ohne dass man als Mieter von der Tätigkeit des beauftragten Maklerfirma in irgendeiner Weise profitieren würde. Im Extremfall bekommt man die im Internet gefundene Wohnung sogar vom Hausmeister gezeigt, sodass die Vermutung aufkommt, der Makler bekommt die Provision für seine Dienste als Anrufbeantworter überwiesen. Als kleine Zugabe muss man sich und am besten noch seine Eltern im Falle einer Bewerbung vollständig entblößen und anschließend horrende Kautionen zahlen. Wenn die Ausbildung zur Immobilienkauffrau nicht so gähnend langweilig wäre – jedenfalls kommen mir die Herrschaften bis ins Mark gelangweilt vor – würde ich ja sagen, dass das der beste Job der Welt ist.

Wie schön muss das Leben sein, wenn man Geld hat, denke ich mir beim Betrachten der Wohnungsangebote, die ein bisschen zu teuer für mich sind. Mit dem Geld kommt auch das Recht auf eine schöne Wohnung in Wohlfühlumgebung. Es reicht nämlich nicht, seine Miete pünktlich zu zahlen und damit das Auskommen der Gegenpartei zu sichern, was man natürlich gern tut, weil man ja dafür in Ruhe wohnen kann. Nein, erst mit der Fähigkeit, zur Gewinnmaximierung des anderen beizutragen, wird man zum wohlgelittenen Bürger.

Das erste Mal im Leben habe ich Bock, ein Haus zu besetzen.


Blättern


Kommentare ( 2 )

Tja… sei bloß froh, dass du nicht für 400 € ein 8 m²-Zimmer in Edinburgh mieten musst, ohne fließend Warmwasser, ohne Zentralheizung und mit allerlei bröckelndem Putz. :-(
Bin ganz deiner Meinung bezüglich des Wohnkapitalismus…

Liebe Grüße

P.S.: In altem gewohnten Besserwissertum: http://www.bildblog.de/22832/foto-wikipedia/ :-)

Marian schrieb dies am 27.09.10 um 08:07.

Ja, da bin ich auch ganz schön froh drüber, die Erinnerungen an Glasgow sind noch immer sehr lebendig… Danke für den Hinweis mit dem Bild, ich achte da eigentlich drauf, aber in dem Fall war ich wohl zu faul, weil nicht ersichtlich war, von wem das Bild war (“Sowieski”). Habe ich jetzt geändert.

Liebe Grüße nach Schottland!

Katharina schrieb dies am 28.09.10 um 03:32.

© Copyright 2007 schwarzezitrone. Theme by Zidalgo Thanks for visiting!