Heute bei der Einreise nach Mexico haben wir dem netten Beamten auf seine Frage, was wir hier machen, mit “vacaciones” geantwortet, was ja eher Ferien bedeutet. Richtiger hätten wir wohl “viajar” sagen sollen – reisen. Zumindest für mich geht es, wenn ich wegfahre, egal ob nach Polen oder nach Mexiko, nicht darum, diese Länder zu machen, damit ich sie dann bei Facebooks “Where I’ve been” markieren und mich toll fühlen kann. Vielmehr soll das Leben nach dem Wiederkommen nicht mehr dasselbe sein wie vor dem Wegfahren. Deshalb und auch weil sich der Wunsch, so eine Art Journalistin zu werden, wegen einer kleinen Ablehung nicht in Schnaps auflöst, will ich nicht nur berichten, wo ich bin und was ich mache und ob ich es toll finde, sondern auch ein paar generelle Gedankengänge verfolgen.

Reisen ist ein Privileg. Wenn man so rumfährt und -fliegt, merkt man schnell, dass man überall Europäer trifft (vor allem Franzosen und ja, Deutsche), Israelis und Amerikaner, aber sonst nicht viel mehr. Weil man sich das eben schlecht leisten kann, wenn man von 5 Dollar am Tag lebt. Ich verstehe diejenigen Reisenden nicht, die nur Party machen wollen und ich finde das respektlos, weil die meisten Länder eben sehr sehr anders sind, was auch bedeutet, dass sie ärmer sind.

Reisen hat viele Aspekte. Zugegebenerweise ist einer davon durchaus, dass man etwas schafft, etwas, worauf man stolz ist und womit man dann auch mal angeben kann. Dieser Aspekt tritt für mich vor allem dann in den Vordergrund, wenn es sonst nicht viel gibt, womit sich mein Gehirn beschäftigen könnte. Diesen Zeitanteil gilt es zu minimieren. Dann ist da der andere-Kulturen-kennenlernen-Aspekt. Um das zu erleben, muss man sich schon ein bisschen anstrengen. Ich mag es meistens ganz gerne, mich ein bisschen von den Touristenspots zu entfernen, obwohl viele davon ja nicht ohne Grund beliebt sind. Aber sobald man nicht mehr dort ist, wo alles auf Touris ausgerichtet oder völlig anonym ist, muss man sich auf die Leute einlassen. Man muss versuchen, sich verständlich zu machen, mitunter braucht man Hilfe, weil man nicht genau weiß, wo was ist, usw. Ich habe durch solche Sachen auch die Erfahrung gemacht, dass die allermeisten Leute einem unheimlich gern helfen und  einem eigentlich immer mehr geben, als man je erbeten hätte. Außerdem habe ich so gelernt, dass es immer irgendwie weitergeht, man die komischsten Situationen übersteht und auch wenn es mal doof ist, es später umso toller wird.

Ein weiterer Aspekt ist die vollkommene Stresslosigkeit. Es herrscht “Komm ich heut nicht, komm ich morgen”-Mentalität, denn es ist eben meistens wirklich egal, welcher Tag ist oder um wieviel Uhr oder ob man überhaupt zu Mittag isst. Das wird nur dann doof, wenn man an einem Sonntag, den man nicht dafür gehalten hat, feststellt, dass die Supermärkte zu haben. Aber auch da kommt man wieder raus, wie gesagt. Genau deshalb ist es auch gut, mal für längere Zeit unterwegs zu sein, denn ich jedenfalls kann nicht sofort alle Gedanken an mein “normales Leben” abstreifen und ein anderer Mensch sein, das braucht schon ein zwei Wochen. Ich glaube, diesen Zustand würde ich gar nicht kennen, wenn ich nicht reisen würde. Diese Entspannung erlaubt es mir dann nach und nach, die Gedankengänge zu identifizieren, die mir das tägliche Leben eigentlich nur schwer machen, sonst aber keine Bedeutung haben – auch grübeln genannt – und welche wirklich wichtig sind. Ich finde es toll, die dann über Tage und Wochen ungestört verfolgen zu können, zu Ende zu denken und neue Erfahrungen einfließen zu lassen.

Und am Schluss entsteht daraus hoffentlich eine Vorstellung, wie es nach der Reise weitergehen soll, so generell. Zum Beispiel stelle ich immer wieder fest, dass ich in meinem Leben genug Platz für Gelassenheit haben will. Während ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe – drei Wochen lang jeden Tag von früh bis spät – ist mir aufgefallen, wie sehr mich das absorbiert. Das ist sicher von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber mir entgleitet dann jede Vorstellung davon, wie es eigentlich ist, nicht bis zum Äußersten angespannt zu sein, sondern sich auch mal um sich zu kümmern.

Ein Aspekt am Reisen, der für mich sehr wichtig ist, ist dass ich Angst davor hatte und vor manchen Sachen immer noch habe: Auf Menschen zugehen, in einer fremden Stadt mit fremder Sprache sein, nicht wissen, wo man was zu essen herkriegt oder ob das Geld reicht. Das ist nämlich ein wichtiger Punkt: Man kann natürlich immer sehr bequem reisen, wenn man genug Geld hat. Man kann fliegen, wo andere Bus fahren, man kann im Hotel wohnen wo andere campen, man kann ins Restaurant gehen, wenn andere sich beim Bäcker ein Brötchen und im Supermarkt ein Stück Käse und einen Apfel kaufen. Aber wenn ich viel Geld hätte, müsste ich nie improvisieren und das wäre doch schade, denn freiwillig würde ich es nie machen. Und würde nichts lernen.


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