Während ich langsam Angst bekomme, dass mein Flug nach San Francisco nächsten Montag gestrichen werden wird, muss ich meinen Blog füttern, damit er nicht in die Vergessenheit sinkt, sobald ich nicht mehr täglich ins Internet kann. Ich habe gerade einen Vortrag von der re:publica angeschaut. Ich bin ja der geborene Klugscheißer, und deshalb sage ich jetzt mal: danke, dass jemand meine Gedanken in Grafiken fasst und Beweise liefert. Ich empfehle ja, sich die Zeit zu nehmen und sich den Vortrag anzuschauen. Die dazugehörigen Folien gibt es hier. Ist ein bisschen anstrengend, aber mit Kopfhörern geht es ganz gut.

Falls man dazu jetzt erstmal keine Zeit hat, hier eine kurze Zusammenfassung. Der Referent Peter Kruse zeigt anhand wissenschaftlicher Daten, was wir schon immer geahnt haben: Die Netzgemeinde teilt sich in zwei ziemlich scharf voneinander abgegrenzte Gruppen. Auf der einen Seite sind die Leute, die das Netz nur benutzen, weil sie wohl oder übel müssen, sehen das Ganze aber äußerst kritisch und halten soziale Netzwerke für bescheuert weil sie reale Beziehungen niemals ersetzen können (“Digital Visitors”). Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, die das Internet als das Beste ansehen, was der Mensch je geschaffen hat (“Digital Residents”). Diese beiden Gruppen unterscheiden sich kaum durch ihr Nutzungsverhalten, sondern vielmehr durch ihre Wertvorstellungen. Diskussionen werden aber dennoch geführt, als ob die Probleme auf der Sachebene liegen würden, ohne sich die grundlegenden Unterschiede der Perspektive einzugestehen und sich darüber zu verständigen. Dabei bleibt vor allem eine Erkenntnis übrig (auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen): Über eine unaufhaltsame Entwicklung herum zu mosern, ist im besten Fall Zeitverschwendung.

Das Erstaunlichste überhaupt war aber für mich, dass es in den Größen dieser beiden Gruppen – Digital Residents und Digital Visitors – kaum einen Unterschied zwischen den Altergruppen gibt. Normalerweise würde ich ja erwarten, dass es unter Digital Natives, wie ich sie in meinem letzten Artikel erwähnt habe, mehr Digital Residents gibt als bei Älteren. Aber dem ist nicht so. Guckst du hier:

Ausschnitt aus dem Vortrag von Peter Kruse auf der re:publica

Ausschnitt aus dem Vortrag von Peter Kruse auf der re:publica

Der Anteil bleibt fast konstant, die Bevölkerung ist polarisiert und steht sich in gleichgroßen Gruppen gegenüber. Das finde ich bedenklich, vor allem, weil der Referent im zweiten Teil seines Vortrags betont, wie sehr das Internet, oder besser gesagt, die Art, wie über das Internet kommuniziert wird, die Gesellschaft verändert und sowohl Wirtschaft (Nestle mit seinen Orang-Utans) als auch Politik (Bildungsstreik) zum Handeln zwingt. Es gibt also Leute, die das begrüßen und darauf brennen, ihre Teilhabe auszuleben. Das ist schön. Auf der anderen Seite stehen aber Leute, die das nicht wollen. Das hört sich für mich nach Spaltung an.

Ein Ansatz für eine Antwort wäre, dass man beiden Gruppen die Idealisierung der Realität vorwerfen kann. Ich wüsste zum Beispiel nicht, zu welcher Gruppe ich mich zählen soll. Vielleicht habt ihr Füchse an meiner Äußerung, dass ich Twitter und Facebook für guten Naszissmus-Keimboden halte, schon einen Widerspruch dazu erkannt, dass ich in einem Blog herumplappere. Wahrscheinlich ist es wie mit allen Dingen: Drüber reden hilft und mit Widersprüchen muss man umgehen lernen. Dogmen bringen wenig voran. Wenn ich mir allerdings anschaue, wie andere Dinge so laufen, nicht nur die Google- und Datenschutzdiskussion, sondern auch, wenn es um den Atomstreit in Deutschland oder die Gesundheitsreform in den USA geht, zweifle ich daran, dass sich die Fronten nächstens auflösen und gegenseitiges Verständnis möglich ist. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt, gilt dabei sicherlich trotzdem auch fürs www.

(Bild im Feature Bar auf der Startseite: Daniel Seiffert auf dem Flickr-Stream von re:publica10)


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