Eben habe ich die aktuelle brand eins durchstöbert (wie immer begeistert) und bin dann auf dieses Interview mit Johannes Kleske gestoßen. Im Zusammenhang mit den brand eins-Artikeln, die ich bisher über den Schwerpunkt Lebensplanung gelesen habe, lässt sich die Perspektive so zusammen fassen: Wer studiert hat und sich mit Computern ein bisschen auskennt, vor allem Social Media von Facebook bis Dropbox beherrscht, geht einer rosigen Zukunft entgegen.

Klar, ich überlege mir auch jeden Tag: Wie kann ich erreichen, dass ich später mal das machen kann, was ich will? Ich will wo arbeiten, wo es nicht darauf ankommt, wieviel Zeit ich für etwas brauche, sondern wo danach gefragt wird, wie gut ich das mache, und zwar ich mit meiner Persönlichkeit, meiner Geschichte und meiner Sicht auf die Dinge. Wenn das alles nicht zu den Anforderungen passt – OK! Dass es mittlerweile massenweise Werkzeuge gibt, die das Zusammenarbeiten über das Internet kinderleicht machen, ist klar. Hört sich einfach an.

Dann tauchen Zweifel auf, die sich vor allem in zwei Richtungen bewegen: Erstens kann ich derzeit nichts davon erkennen, dass immer mehr junge Menschen sagen, ‘Ich will in meinem Job Flexibilität in dieser und jener Hinsicht, denn das ist jetzt realisierbar und das bin ich wert’. Vielmehr scheint es mir doch so zu sein, als ob der Wunsch nach Sicherheit weiterhin die Berufswahl dominiert. Selbst 20-,25-Jährige haben doch Angst – Angst vor der Zukunft, Angst vor Ausländern, die härter für weniger Geld arbeiten, Angst vor der beschleunigten Entwicklung im Web und der Gesellschaft – anstatt das alles als Chance zu sehen (da man es ja eh nicht aufhalten kann). So ist es nicht verwunderlich, dass die viel gepriesenen Social Networks vor allem dem guten alten Narzissmus Vorschub leisten – oh boy, gab es je einen besseren Nährboden?

Zweitens – kann die Welt funktionieren, wenn jeder das macht, was er will, ich meine, was er wirklich will? Will jemand ernsthaft putzen gehen? Meine Antwort darauf lautet – im Grunde vielleicht schon. Nur nicht so, nicht so, wie das heute in der Gesellschaft verankert ist. Hier sind Veränderungen nötig, die nicht durch Technologie erwirkt werden können oder indem eine kleine Elite, die sich ihres Marktwertes sehr sicher ist, fordert, was ihr vermutlich zusteht. Nötig wäre eine Gesellschaft, in der Leute endlich kapieren, dass ohne Putzmann und Müllfrau nichts läuft und dass diese Leute, die unseren Dreck wegmachen, daher wesentlich mehr Geld verdienen sollten (an sich leicht machbar) und deren Arbeit wir alle als das anerkennen sollten, was sie ist: Unersetzlich (das ist schon wesentlich schwieriger). Zu all dem Gerede von der Leistungsgesellschaft passt das freilich nicht. Aber vielleicht sollte Herr Westerwelle mal einen Tag in einem großen teuren Hotel das Frühstück servieren, dann wird er schon merken, wie viele Menschen, die dort bedient werden, die Leistungsgesellschaft interpretieren: Dass sie es nämlich verdient haben, diejenigen zu sein, die bedient werden, und die Kellner waren eben zu dumm oder zu faul, um etwas anderes zu werden. Nichts davon, dass jemand vielleicht einfach Spaß daran hat.

Nun ja – ich höre trotzdem nicht auf, davon zu träumen, dass die Menschen sich die Verantwortung für ihr Leben von “den Konzernen” zurück nehmen. Während der Spiegel sich noch darüber echauffiert, dass “die Bloggergemeinde zersplittert” habe ich doch das Gefühl, dass dieses Internet, von dem alle reden, seine Vorteile hat. Der Spiegel scheint zu übersehen, dass diese so genannte Gemeinde gar keine ist – ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, in eine Art Partei eingetreten zu sein, als ich diesen Blog angemeldet habe – sondern dass es sich hier um ganz normale Menschen handelt, die naturgemäß unterschiedliche Meinungen haben. Ich jedenfalls finde es wunderbar, dass ich diesen Blog hier haben kann, in dem ich meine Meinung kundtun kann, der aussieht, wie ich es will, und den ich so benutze, wie ich es will und wann ich will. Ich denke, diese Art der Kommunikation gibt Leuten die Lust zurück, etwas selbst zu machen und stellt gleichzeitig die Möglichkeiten dafür zur Verfügung. Wer weiß, vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass immer mehr Berufseinsteiger nicht mehr bereit sind, dieses selbstständige Denken zugunsten eines dicken Gehalts wieder aufzugeben. Dafür müssten sie allerdings erst einmal daran glauben, dass das möglich ist.

(Foto im Feature Bar: verändert nach André Karwath aka Aka)


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