Ich bin zurück, mit dem Aufreger der Stunde. Jeder fragt sich: Sind die Katholiken schlimmer als die Protestanten? Sind Priester noch perfider als normale Täter (oder haben sie sogar noch “etwas gut”, rein statistisch gesehen)? Warum sagt der Papst nichts? Und endlich wissen auch alle, dass es der Zölibat heißt – seine Rolle bei der Berufswahl verklemmter Jungen bleibt allerdings umstritten. Nebenbei wird diskutiert, ob mit den Verjährungsfristen vielleicht etwas nicht stimmt. Komisch, dass wieder einmal alle völlig schockiert tun.

Dieser Reflex in den Medien, sich aus der Affäre zu ziehen, indem man völlig überrascht tut – was gerade passiert, ist ein gutes Beispiel dafür. Lauthals wird lückenlose Aufklärung gefordert, die Opferung von Vorständen und Schulleitern wird verhalten beklatscht und doch kritisiert, weil sie nicht weit genug geht, gehen kann. Die Amtsnachfolger halten bereitwillig weiße Westen in die Kameras. Bei den gegenwärtig umherfliegenden Dreckbatzen, denen gesetzlich verankerte Verjährungsfristen zum Glück nichts anhaben konnten, sollten sie einige Ersatzkleider im Schrank haben.

Was wir hier beobachten dürfen, ist ein Tabu, das sich Bahn bricht. Es handelt sich nicht um neue Erkenntnisse. Niemand steht wirklich fassungslos vor seinem Radio und denkt: ‘Das hätte ich niemals für möglich gehalten!’ Es mag Ausnahmen geben – wer die Odenwaldschule sein Leben lang als eine Einrichtung gesehen hat, an der es sich zu lehren lohnen würde, wird verständlicherweise schockierter sein als jemand, der den Namen zum ersten Mal hört. Insofern muss man natürlich auch mit den üblichen Vorurteilen der Kirche gegenüber aufpassen, die auch dazu dienen können, von der Tatsache abzulenken, dass sexueller Missbrauch auch unter Atheisten verbreitet und da nicht weniger schlimm ist.

Im Grunde geht es jetzt nicht wirklich darum, eine unerhörte Begebenheit zu erforschen, zu verstehen und die Gesellschaft zu verändern, sondern alle Beteiligten haben vor allem ein Ziel: Schadensbegrenzung. Die Kirchen wählen als Mittel zum Zweck Bauernopfer, Schweigen, Abbügeln oder halbherziges Strafen, Schuldeingeständnisse kommen selten und wenn sie kommen, zeugen sie vor allem davon, dass der Täter nicht verstehen will, was es angerichtet hat. Wenige kehren vor ihrer eigenen Haustür anstatt den Zeigefinger in Betrieb zu nehmen, so zum Beispiel Bernhard Bueb, von dessen Ansichten die Autorin ansonsten wenig hält. Schlimmer als das ist aber, dass auch die Medien durch möglichst großes Geschrei davon ablenken wollen, dass sie sich bisher nicht genug mit dem Thema befasst haben. Vor allem Männer fassen vor allem kleine Jungen an – oh Gott, das will doch keiner lesen.

Tabus werden nicht ausgesprochen. Wer über sie nachdenkt, ist pervers. Zaghafte Ansätze einer Diskussion darüber, dass Pädophile oft nicht anders können und von ihrem Verlangen überwältigt werden, ohne es zu wollen, kommen gegen eine Brandmauer aus Schweigen nicht an. Zu heiß ist es Schulleitern, offen darüber zu diskutieren, zu unsicher sind Eltern, wie sie ihre Kinder warnen sollen, Angst vor der Stigmatisierung hält Betroffene ab, sich helfen zu lassen.

Das alles ist keine Entschuldigung für die Täter. Aber wie so oft wird man an der Lage nichts ändern, wenn das einzige Ziel ist, so schnell wie möglich den Deckel auf das Schlamassel zu setzen. Es geht hier nicht nur um etwas, was “passiert” ist und noch passiert, sondern es geht um Einstellungen, Glaubenssätze, einen gesellschaftlichen Zustand, der sich nicht durch eine Verlängerung der Verjährungsfrist ausbügeln lässt. Vielleicht sollte man Opfern wie Tätern ein bisschen zuhören, anstatt die einen an die Wand zu schweigen, die anderen zur Tür hinaus zu keifen.


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