Foto: www.arbeitsagentur.de

Es wird sich mal wieder gekloppt. Hannelore Kraft, Spitzenkandidatin der SPD in NRW, hat es gewagt, das Kind beim Namen zu nennen. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Es gibt Menschen in diesem Land, die nie wieder eine feste Anstellung finden werden! “Sockelarbeitslosigkeit” heißt das. Jetzt sind auf einmal alle ganz entsetzt und behaupten, sie gebe damit ein Viertel der Langzeitarbeitslosen auf, nur weil sie anregt, ihrem Leben durch soziales Engagement einen Sinn zu geben.

Anscheinend leben Politiker auch in diesem Punkt in einer anderen Welt. Die Ansicht, die vermittelt wird, ist, dass es irgendwann mit dem Arbeitsmarkt wieder bergauf geht und dann Vollbeschäftigung herrschen wird. Auch Frank-Walter Steinmeier hat sich im Wahlkampf nicht entblödet, damit zu werben, wodurch er für mich übrigens unwählbar wurde. Entgegen der landläufigen Meinung sind “Geld verdienen” und “Beschäftigung” nicht dasselbe und wir täten gut daran, das endlich zu begreifen. Dann könnte man auch gleich mit der weit verbreiteten Unart aufräumen, den Wert eines Menschen an seinem Einkommen zu messen.

Es gibt Bereiche, in denen mehr Mitarbeiter ein Segen ohne Gleichen wären. Überlastung allenthalben, weil der Automatismus, zuerst am Sozialen zu sparen, stets greift, wenn weniger Geld in den Kassen ist. In diesem Zusammenhang ist es unverständlich, dass Arbeitslose teilweise sogar genötigt werden, ihre Ehrenämter aufzugeben, um “dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen”. Dabei kann doch niemand ernsthaft glauben, dass es der größte Wunsch der meisten Menschen sei, den ganzen Tag nichts zu tun. Wer Verantwortung für sich selbst übernehmen kann, wird daran interessiert sein, sich glücklich zu machen – und dazu gehört es, etwas zu tun, das einem Spaß macht.

Was Hannelore Kraft tut, ist genau das Gegenteil von aufgeben. Sie schaut nur der Tatsache ins Auge, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die nie wieder eine Lohnarbeit haben werden und deshalb nicht den Rest ihres Lebens ohne Sinn und Freud verbringen sollten. Diese Menschen wissen auch, dass sie keine Arbeit mehr finden und die Anerkennung dieser Realität kann ihnen etwas von ihrer Würde zurückgeben, weil sie mit dem Vorurteil aufräumt, dass jeder, der sich genug anstrengt, auch eine Arbeit finden kann. Das stimmt einfach nicht. Es gibt so viele Tätigkeiten, die sinnvoll sind und Spaß machen können, für die niemand Geld ausgeben möchte. Warum erlauben wir nicht einfach Leuten, die das gern tun, sie zu verrichten?

Weil wir schon einmal dabei sind, füge ich gleich noch an, dass diese Menschen dann in gewissem Sinne sogar privilegiert wären. Sie könnten sich heraussuchen, welche Tätigkeit sie verrichten möchten und wenn die Bedingungen, unter denen sie das tun müssen, unhaltbar sind, können sie gehen. Da fällt mir ein, Arbeit ist ohnehin die Wurzel allen Übels und ich fände es hervorragend, wenn gleich noch eine Debatte darüber entstehen würde, ob am Fließband zu stehen oder sein Leben lang Schicht zu arbeiten wirklich schön ist. Mein erster Verbesserungsvorschlag: Mittagsschlafzimmer überall dort, wo Menschen arbeiten!


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