Foto: Henrik Sachse

Es wird viel über Gesundheit diskutiert in unserer Gesellschaft. Gerade heute: Im letzten Jahr waren deutsche Arbeitnehmer im Schnitt etwas mehr als 12 Tage krank geschrieben – einen Tag mehr als letztes Jahr. Eine Ursache für längere “Ausfälle” sind immer mehr psychische Erkrankungen. Selbst Kinder haben heute schon Burnout, weil sie von ihren Eltern unter Druck gesetzt und von Termin zu Termin gehetzt werden (jedenfalls zweifle ich daran, dass Zehnjährige von selbst auf die Idee kommen, dass ihre Jobperspektive trostlos sei). Fast jeder hat eine Allergie, irgendeinen wiederkehrenden Ausschlag oder nette Dinge wie Magenschmerzen, Schlafstörungen, Migräne.

Jeder, der schon einmal versucht hat, gegen ein solches Zipperlein wirklich etwas zu tun, sprich, wer nach der Ursache gefragt hat und dort ansetzen wollte, wird die Erfahrung gemacht haben, dass “das Gesundheitssystem”, diese riesige undurchsichtig agierende Krake, darauf nicht vorbereitet ist. 2007 verschlang dieses Ungetüm über 10% des BIP, das sind 250 Milliarden Euro, wobei gerade mal 10 Milliarden für Prävention ausgegeben wurden. Man wird von Arzt zu Arzt geschickt, niemand weiß so richtig, was man hat, am Ende bekommt man nur zu hören, man solle sich doch mal zusammen reißen und sich damit abfinden, dass man eben “empfindlich” sei. Lebensstil oder herrschende Dogmen werden selten in Frage gestellt.

Auf der anderen Seite schießen alternative Angebote aus dem Boden wie die Pilze: Heilpraktiker, Akupunktur, Systemtherapie, psychosomatische Kliniken. Leute sind bereit zu bezahlen und tun dies auch. Unbestreitbar ist einiges schon bei den Krankenkassen angekommen, aber letztlich entscheidet immer sie darüber, ob man etwas braucht oder nicht und in welchem Umfang. Warum darf ich eigentlich nicht selbst wissen, was für mich das Beste ist? In Deutschland ist anscheinend die Angst davor, dass auch nur ein müder Euro gezahlt wird, den man hätte sparen können, weil demjenigen diese Leistung nicht zugestanden hat, viel größer als die Sorge, dass jemand vor die Hunde gehen könnte, weil er eine dringend nötige Behandlung eben nicht selbst zahlen konnte. (Das selbe bei ALG, Bafög, GEZ-Befreiung, etc.)

Das ist das Problem an Prävention: Man weiß ja nicht, ob derjenige krank geworden wäre. Vielleicht hat man etwas umsonst ausgegeben, auweia! Wenn jemand erst einmal einen Herzinfarkt hat, kann man korrekt abrechnen, auch wenn die Kosten dafür ausgereicht hätten, um, sagen wir mal, hundert Leuten beizubringen, wie man richtig isst und warum man ab und zu vor die Türe gehen muss. Diese hundert Leute hätten dann nicht nur mit einer sehr viel geringeren Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt bekommen, außerdem wäre auch ihre Risiko für Übergewicht, Diabetes, alle möglichen Süchte, Depressionen und all ihre Folgen gesunken.

Entgegen der Annahme von Leuten, die, um gegen Sodbrennen vorzugehen, lieber Renni schlucken als etwas weniger Cola zu trinken, geht es  so genannten alternativen Heilmethoden nicht darum, die Realität zu verneinen und sich der “Leistungsgesellschaft ” zu verweigern, sondern lediglich um die eigentlich sehr simple Einsicht, dass Körper und Geist nicht wirklich zwei getrennt Dinge sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch unsere “westliche Medizin” grundsätzlich in der Lage ist, diese Problematik zu erkennen und angemessen mit ihr umzugehen. Die Frage ist dabei, wie lange das dauert, bis es in die Gesellschaft durchgesickert ist. Die Politik könnte da ausnahmsweise etwas beitragen.

Die Diskussion über Kopfpauschale, Praxisgebühr und steigende Arbeitnehmer-Beiträge könnte man sich sparen, wenn Leute danach bezahlen müssten, welche Risiken sie für ihre Gesundheit eingehen, obwohl sie es besser wissen. Warum eigentlich soll ich als jemand, der Unmengen Geld für Biogemüse ausgibt, drei mal pro Woche Sport macht und kleine Krankheiten wie Erkältung oder Magendrücken lieber mit Entspannung als mit der Chemiekeule bekämpft die Kosten für all die kettenrauchenden Currywurstesser übernehmen, die alle Signale ihres Körpers ignorieren bis sie fast tot sind? Allerdings müssten die Leute es ja erst einmal besser wissen. Schade, dass man in der Schule noch immer nicht lernt, dass Glück auch von Gesundheit abhängt und nicht nur von einem sicheren Job und einem großen Auto.


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